Gedenken und verstehen – intuitiv und interaktiv

Die Vermittlung der Schoah mit Web-Specials, Facebook und anderen digitalen Angeboten

9. November 2015

Stolpersteine für Familie Schneebaum am Hackeschen Markt im Berliner Bezirk Mitte
Gedenken am Weg: Sogenannte Stolpersteine am Hackeschen Markt in Berlin erinnern an die von den Nazis deportierte Familie Schneebaum. Im Internet entstehen ganz neue Zugänge zur deutschen Geschichte. (Foto: epd-Bild/Janine Romey)

Frankfurt a.M. (epd). Das Web-Projekt "eine-ausnahme.de" erzählt gleich mehrere Geschichten: Von einer Freundschaft zwischen einer Holocaust-Überlebenden und einer ehemaligen Widerstandskämpferin, vom Überleben in den Konzentrationslagern Theresienstadt und Auschwitz und vom Widerstand im Internationalen Sozialistischen Kampfbund. Wie geht das?

Adrian Oeser, Initiator des Projekts, und Martin Stiehl, verantwortlich für die Webentwicklung, haben die Vorteile des Netzes für sich arbeiten lassen: Der Bildschirm ist in zwei Hälften geteilt. Links laufen die einzelnen Clips, rechts werden Stichworte und Zusatzmaterial wie Fotos eingeblendet. Der Nutzer entscheidet, welcher Aspekt ihn gerade am meisten interessiert: Ist es die chronologische Abfolge der Ereignisse oder will er sich gerade lieber mit dem Leben der Verfolgten in Theresienstadt auseinandersetzen? Über einen Klick kann der Nutzer frei wählen – von Zuhause aus. Kürzlich hat Oeser das multimediale Projekt in der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt vorgestellt.

Nicht nur Dokumente in einer Vitrine

Für Kirstin Frieden, die über das Thema Holocaust und Vermittlung im Internet promoviert hat, bedeutet diese Erzählform enorme Chancen: Der Zugang zu Geschichte werde erleichtert. Anders als im Museum, wo man sich entsprechend verhalten müsse, funktioniere Geschichtsvermittlung im Internet einfach und intuitiv. "Es ist eine weitere Ergänzung, die Geschichte von Überlebenden kennenzulernen", sagt Frieden. Kompakt und umfassend vermittele "eine-ausnahme.de" mehrere geschichtliche Aspekte.

Die Öffentlichkeit habe eine veränderte Erwartung daran, wie die NS-Zeit vermittelt werde, registriert Mirjam Wenzel, Leiterin der Medienabteilung des Jüdischen Museums in Berlin. "Die Menschen wollen nicht mehr nur Dokumente in einer Vitrine sehen, sondern auch darüber kommunizieren." Aufgabe von Museen oder Bildungsstätten sei deshalb auch, historische Dokumente so aufzuarbeiten, dass sie Teil der Alltags-Kommunikation würden. Grundsätzlich seien dazu auch soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter geeignet.

Solche Beispiele hat es schon einige gegeben: Das Twitter-Projekt "@9nov38" erzählte am 09. November 2013 die Reichspogromnacht von 1938 nach, tages- und uhrzeitgenau. Fünf Historiker waren daran beteiligt; sie twitterten die Originalgeschehnisse auf Basis von Quellen und gesicherten Forschungsergebnissen. Eine Fortsetzung war "@digitalpast: Heute vor 70 Jahren". Das selbe Team twitterte auch über die letzten zwei Kriegsmonate des Zweiten Weltkrieges.

"Für jede Generation gibt es verschiedene Zugänge zum Thema Holocaust"

Oder das Facebook-Profil von Henio: 2009 hat der polnische Historiker Piotr Brozek einen Avatar des polnisch-jüdischen Jungen angelegt. Auf der Grundlage von Originalfotos und fiktiven Überlegungen, wie das Leben Henios hätte aussehen können, ließ der Historiker seine zeitweise fast 5.000 Facebook-Freunde Anteil nehmen. Ein Jahr später löschte er das Portal plötzlich - als Symbol für die Ermordung des Jungen durch die Nazis.

Nicht in dem Facebook-Profil an sich sieht die Medienexpertin des Jüdischen Museums Berlin, Wenzel, ein Problem, sondern in der Vermischung von Realität und Fiktion: "Grundsätzlich ist die Aufbereitung von Quellen für soziale Netzwerke sinnvoll, aber sie sollte sich an der historischen Realität orientieren", empfiehlt sie. Wenn es gelinge, sagt Wenzel, bei Menschen eine Irritation auszulösen oder wenn sie etwas lernten und dies in sozialen Netzwerken teilten, sei aus pädagogischer Perspektive Vermittlung erfolgreich. Einzelne Tweets seien zwar problematisch, weil sie Gegenwart vortäuschten, jedoch könnten "Geschichtsprojekte wie "@9nov38" in sozialen Medien historische Dokumente zum Sprechen und in eine zeitgemäße Form bringen."

Auch die Literaturwissenschaftlerin Frieden wirbt für eine Vermittlung der NS-Geschichte, die sich mehr an der Alltagskommunikation und den Bedürfnissen der jungen Generation orientiert: "Für jede Generation gibt es verschiedene Zugänge zum Thema Holocaust."

Elisa Makowski (epd)