Der Geschichte im Heiligen Land auf der Spur

Ausgrabungen sind harte Kleinarbeit für biblische Archäologen

12. Oktober 2006


Mit der berühmten Filmfigur des Indiana Jones hat Dieter Vieweger wenig Ähnlichkeit. Ausgenommen vielleicht den Sonnenhut und sein brennender Eifer für die Sache. Wie Indiana Jones sucht er nach verlorenen Schätzen im Heiligen Land. Doch jagt er nicht der verschollenen Bundeslade mit den göttlichen Geboten hinterher, sondern Tonscherben, Bronzewaffen oder Münzen. Eben all jenen alltäglichen Gegenständen, die Aufschluss über das Leben früherer Generationen geben.

"Archäologie ist harte Kleinarbeit", sagt der Wissenschaftler, der seit November 2005 das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem und Amman leitet. "Sensationelle Schätze finden wir selten, aber in den Tells gibt es faszinierende Hinterlassenschaften aus 5.000 Jahren Geschichte."

Die "Tells", zu deutsch "Kulturschutthügel", sind künstliche Berge, auf denen die Menschen im Nahen Osten über viele tausend Jahre ihre Dörfer und Städte bauten. Das von der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Auswärtigen Amt finanzierte Institut gräbt an einem über 5.000 Jahre besiedelten Tell. "Wir wollen eine Brücke zwischen Archäologie und Theologie schlagen", betont der 48-jährige Professor. "Aber wir sind nicht dazu da, biblische Texte zu bestätigen."

Das war einmal anders. Als das Institut 1900 gegründet wurde, sollten die biblischen Archäologen beweisen, dass die Geschichten der Bibel wahr sind. Erste Ausgrabungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts hatten bereits Teile der Mauern des Herodianischen Tempelareals erkundet, die der Archäologe Charles Warren irrtümlich dem Tempel des biblischen Königs Salomo zuschrieb.

Fehldeutungen gab es im Laufe der Ausgrabungsgeschichte öfter. Den folgenschwersten Irrtum begingen laut Vieweger die Forscher Sellin und Watzinger in den Jahren 1907 bis 1909. Sie glaubten, die von den Israeliten im Auftrag Gottes zerstörten Mauern von Jericho gefunden zu haben. "Erst 50 Jahre später wurde diese chronologische Fehldeutung von der britischen Archäologin Kathleen Kenyon korrigiert", erzählt der Professor. "Sie bewies, dass Jericho zur Zeit der Einwanderung der Israeliten ein unbedeutendes Dorf ohne Stadtmauern gewesen ist."

Diesen Nachweis ermöglichten vor allem neue Ausgrabungsmethoden. Statt gezielt nach bestimmten Funden zu suchen, gruben die Forscher Schicht um Schicht und Quadrat um Quadrat in den Tells aus. Eine Vorgehensweise, nach der auch Vieweger arbeitet. Im Frühjahr und Sommer reist er zu den Ausgrabungsstätten ins Heilige Land. Im Winter- und Sommersemester leitet er das Biblisch-Archäologische Institut an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal. Von dort bringt er Studenten und Wissenschaftler zu den Grabungsstellen mit.

Seit 2001 widmet sich das etwa 30 Mitglieder zählende Team dem Tell Zira'a in Jordanien, an der Grenze zu Israel und Syrien. 102.000 historische Scherben aus 5.000 Jahren Siedlungsgeschichte hat es dort bereits gefunden. Die Archäologen, Restauratoren, Chemiker, Geophysiker und Mineralogen rekonstruieren Krüge, Waffen und Figuren, bestimmen Alter und Zweck der Gegenstände. Eine Sisyphusarbeit, die den Großteil des archäologischen Alltags ausmacht. "Dabei wenden wir auch naturwissenschaftliche Methoden an", erklärt Vieweger. Luftbildanalysen, statistische Berechnungen und chemische Untersuchungen sowie computergestützte Datenbanken prägen die moderne Archäologie.

Zu den Ausgrabungen auf dem Tell begleiten den Archäologen aber nicht nur Experten. In der Regel sind auch 35 Laien dabei, sogenannte Volontäre. "Sie wollen Archäologie hautnah erleben", erzählt der Institutsdirektor. Dafür zahlen sie Flug, Unterkunft und Verpflegung selbst und arbeiteten jeden Morgen ab 5.30 Uhr auf dem Tell.

Trotz der harten Arbeit habe er unter den pensionierten Lehrern, Pharmazeuten oder Ärzten noch nie enttäuschte Gesichter gesehen, betont Vieweger. "Die Volontäre sind stolz, wenn sie dem Berg ein Stück Geschichte entreißen." Denn außer Tonscherben gibt es auch immer wieder kleine Schätze zu entdecken wie geschnitzte Messergriffe, Perlen, Anhänger, Tontäfelchen mit Inschriften oder kleine Götterstatuetten. "Für diese uralten Funde und die sich daraus ergebenden historischen Erkenntnisse lohnt es sich, Hitze, Durst und wunde Hände zu ertragen", sagt Vieweger.

Deutsches Evangelisches Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes